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Sudgard - Rückkehr zu den Wurzeln

Einen wahrlich prächtigen Anblick bot Veorstad. Die Stadt war feierlich geschmückt, als würde ein König zurückerwartet von einer siegreichen Schlacht. Von den Türmen flatterten goldverzierte Banner im Wind und ein jeder gab seinem Haus ein feierliches Gewand. Händler aus allen Ecken des Landes trafen ein und bauten ihre Stände auf. Barden machten sich bereit, um für ausgelassene Stimmung zu sorgen und die ersten Eber wurden bereits am Spieß gedreht. Köstlicher Duft von allen Ecken. Die Frauen legten ihren kostbarsten Schmuck an und die Männer trugen ihre Festgewänder. Fortan sollte immer eine große Feier stattfinden, wenn sich dieser Tag jährt. Es war wie eine Befreiung nach dem Kummer der über das Land fiel. Die Zeit der Trauer war nun mit diesem Fest beendet. Gewiss war es auch im Sinne des verstorbenen Markgrafen, das er mit diesem Fest geehrt wurde. Es sollte aber auch ein Aufbruch sein in eine neue glückliche Zeit. Groß war der Kummer, als die Kunde vom Tod des Markgrafen in Lewenstein bekannt wurde. Das Wohl seiner Untertanen lag im stets am Herzen und sein Richterspruch war weise und gerecht. Selbst bei den Elfen genoss der Markgraf hohes Ansehen, obwohl sie einst zurücktreten mussten, als das Herzogtum Solania seine Hand nach neuem Grund ausstreckte und sich dieses Land zu eigen machte. 

In jener längst vergessenen Zeit zog das solanische Heer gegen die Elfen, die seit langer Zeit hier heimisch waren. Die Elfen wussten, das die Menschen das Antlitz von Sudgard entstellen würden. Gleichsam bei Elfen und Menschen würde die Nacht Tod und Verderben bringen und der Tag würde folgen mit Kummer und Leid. Die Elfen hatten so viel Liebe und Schweiß gegeben, um aus der Knospe die Blüte zu machen, die sie Sudgard nannten - ein Reich voller Güte und Licht. Wunderbare Städte, erbaut von Elfenhand, ragten in den Himmel. Doch nun zog das übermächtige solanische Heer gen Sudgard. Im Angesicht des drohenden Krieges kam der hohe Rat der Elfen zusammen, denn Sudgard schien dem Untergang nah. Die Elfen sahen sich einer gewaltigen Übermacht gegenüber, gleich einem bösem Getier, dem man das Haupt abschlägt und an dessen Stelle sogleich zwei neue wachsen. Was war zu tun? Sollten die Elfen Brünne und Schild anlegen und streiten wider dem Menschengeschlecht in diesen Landen? Einige wollten in der Tat in den Krieg ziehen, sei es auch nur ein Aufbäumen, ein Kampf, der aussichtslos und schon verloren ward. Und für wahr, niemals hatten sich die Elfen bisher heraufziehendem Unheil wehrlos ergeben, noch sich verkrochen wie ein wundgeschlagenes Tier in seinem Bau. Das Menschenvolk von Kheserion musste dies schon leidvoll erfahren. Sollten sie nun diesen Flecken Glückseligkeit aufgeben ohne erbittertem Kampf? Aber würden sie der grinsenden Fratze des Krieges die Stirn bieten, so würde all ihr Werk untergehen. Ehemals fruchtbares Land würde zu verbrannter Erde und die schönen Gestade der Elfen niedergewalzt von schwerem Kriegsgerät der Menschen. Lange wurde im hohen Elfenrat Wort und Widerwort gesprochen bis schließlich eine, wenn auch umstrittene Entscheidung gefällt wurde. Boten wurden zum herannahenden solanischen Heer gesandt. Der Heerführer war überrascht, als er die Worte vernahm:

 

„Höret die Worte jener, die heimisch sind.
Nicht fallen soll hier ein einziges Asenkind,
nicht Blut noch Tränen soll Wiesen tränken,
noch Elfen und Menschen im Kampfe enden.

 

Still das Kampfgeschrei bis in den Tod,
kein Laut von Menschen Kriegsgerät,
nicht scheinen mag Sol dunkel und rot,
wenn dieser Tag zum Ende geht.

 

Höret die Worte von Elfengeschlecht.
Nicht zu brechen ist der Elfen Recht,
nicht schleifen sollt ihr heimischen Stein.
So sollt ihr denn willkommen sein.“

 

Die solanischen Krieger sahen dem Heerführer verwirrt nach, als dieser mit nur einer Handvoll seiner Leibwache zusammen mit den Elfenboten davon ritt. Nach zwei Tagen und zwei Nächten kam er schließlich ins Heerlager zurück. Er rief die Unterführer zu sich und sprach: „Gutes kann ich euch berichten, Kameraden. Wahrlich stolz sind die Elfen und nicht minder weise. Wir zogen aus, um neuen Grund für Solania zu erschließen. Wie der Wind die letzten Nebelfetzen am herannahenden Tag vertreibt, zerschlugen wir unablässig die nicht endende Brandung des Bösen und vertrieben unsere Feinde in alle vier Himmelsrichtungen. Nun bin ich des Kampfes müde und gleiches vermag ich in euren Augen zu sehen. Und so sage ich euch: Dieses Land, das verheißungsvoll vor uns liegt, wird fortan ein Teil Solanias sein. Doch kein Weib wird vergeblich auf die Heimkehr ihres tapferen Gemahls warten, denn wir werden ohne Kampf in dieses Land einziehen. Wenn ihr Veorstad seht, werdet ihr verstehen, warum ich diese Gestade nicht mit Eroberungskrieg überziehen will. Diesem Land will ich nicht Leid und Zerstörung bringen, beschützt soll es vielmehr sein durch das mächtige Heer von Solania!“ Und so begab es sich, das Sudgard Teil von Solania wurde. Dem Heerführer des solanischen Heeres war es zu verdanken, das Gewaffen der Elfen an den Wänden blieben und keine Witwe Tränen vergoss. Jener besonnene Heerführer wurde zum Herrn der neuen Markgrafschaft ernannt und fortan trug es den Namen Lewenstein, verliehen durch seine Gnaden, den Herzog von Solania.

Das Volk ging seinem redlichen Tagewerk nach. Der Weizen auf den Feldern stand gülden leuchtend in der Morgensonne und unter dem Bündnis zwischen Elfen und Menschen erwuchsen neue Städte. Sudgard war zu einem Teil Solanias geworden, zu einer der Blütenblätter, die sich langsam öffnen, wenn die Knospe die Blume freigibt aus ihrem lieblichen Gefängnis. Doch die größte und schönste Stadt Lewensteins war auch weiterhin Veorstad auf der Hochebene am Fuße des Nordgebirges. Die Elfen gaben der Stadt ihren Glanz. Stein um Stein setzten sie aufeinander, wie eine Huldigung an die Sonne, die mit ihrem Schein die Herzen der Bewohner mit Wärme füllen sollte. Von Tag zu Tag wurde Veorstad noch prächtiger. Goldene und silberne Beschläge und reich verzierte Schnitzereien. Es gab keine Kunst, der die Elfen nicht bis zur Vollendung ihres Werkes ein Denkmal schufen. Beeindruckend an Größe und Schönheit ist Veorstad bis heute und manches geheimnisvolle Wunder gibt es dort zu erblicken. So gibt es bei Nacht, wenn der Mond hell am Himmel steht, keinen Schatten in den Straßen. Nicht einmal ein Licht benötigt man, um alles sehend durch die friedlich schlummernden Gassen zu gehen. Nicht nur Menschen ließen sich nun in Lewenstein nieder. Die Zwerge schlugen mächtige Städte in die Berge, deren Hallen von imposanten Säulen getragen werden. Die wohl beeindruckendste ist die weithin hoch gerühmte Bogenhalle von Ithrinduria. Eine jede Säule der zehn mal einhundert, ist mit ihrem Nachbarn durch einen reich verzierten Bogen verbunden, der jeweils einen Teil der Geschichte des einstigen Sudgard zeigt. Die Halle hat solch gewaltigen Ausmaß, das gar ein ganzes Heer samt Getier und Kriegsgerät in ihr lagern könnte. Die Menschen errichteten die Stadt Duinor. Die Schmieden und Tavernen öffneten ihre Pforten und die Marktplätze füllten sich mit Schaustellern und Händlern, die ihr Können und ihre Waren feilboten. Holzfäller ließen in den nahegelegenen Wäldern ihre Äxte hernieder schnellen und Hirten hüteten ihr Vieh auf den grünen Auen. An den Ufern des Dreymvat wurde Viennor errichtet. So wuchsen die Städte der Menschen heran und glückselig war die Zeit für jene, die in Lewenstein weilten.

Die Elfen wurden in Lewenstein stets sehr geschätzt und ihr kundiger Rat war dem Markgrafen sehr wertvoll. Es ist einzigartig, wie Elfen und Menschen in Lewenstein aneinander wuchsen und voneinander lernten, obgleich die Menschen von diesem Bund ohne Zweifel größeren Nutzen hatten. Hörten sie doch erstmals die wahrhaftigen Geschichten über den Anbeginn der Zeit, über die Menschen des alten Zeitalters und über den großen Weltenbrand. Es gibt wohl keine zweite Stadt in der Welt, wo Elfen und Menschen so eng beieinander lebten. Doch dann kam das, was schließlich unabwendbar war. Eine lange Zeit der Trauer brach an, als der ehrwürdige Markgraf verstarb. Hinzu kam, das der Sohn des verstorbenen Markgrafen nicht gewillt war, die Nachfolge zu übernehmen. Er verfolgte andere Ziele. Also kamen die Fürsten zum Rate zusammen. Sie waren einig darüber, das es unter diesen Umständen das Beste wäre, das vergangene Sudgard neu zu begründen. Der Herzog ließ von fern seine Zustimmung mitteilen. Von nun an sollte dieser Grund wieder den alten Namen tragen, einst von den Elfen gegeben und gleichsam sollte ein Rat aus zwölf Stühlen die Geschicke von Sudgard lenken. Menschen waren im hohen Rat von Sudgard ebenso vertreten wie die Zwerge von Ithrinduria und Durinion, die Waldelfen von Hlod, der Großmeister von Thingaf und dergleichen mehr. Die mächtigsten und angesehensten Fürsten hatten im hohen Rat eine Stimme und würden gehört werden, wenn sie es wünschten. Doch was wurde aus dem Sohn des alten Markgrafen? Gemäß seinem Wunsch wurde ihm ein Stück Land übertragen, wo er sich ansiedelte. Es schien allen nur recht, das die freie Baronie den Namen des einstigen Markgrafen weiter trägt. So grenzt also Lewenstein jetzt im Süden an die Markgrafschaft Wiesengrund und im Osten an die Markgrafschaft Andwinn. Möge Lewenstein noch lange bestehen und den Nachkommen des alten Markgrafen Glück und Frieden beschert bleiben. Das alte Sudgard war wiedergeboren und das sollte gefeiert werden. Das große Fest hob an. Tanz und Gesang in allen Gassen und der Met floss bis in die frühen Morgenstunden. Ausgelassen feierte man die neue Zeit des alten Sudgard.

( 14. Tag des Horngrund, 1484 d.n.Z. )

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